Bayer setzt bei Radionuklidtherapie auf bicyclische Peptide: Kooperation mit Bicycle Therapeutics
Bayer und Bicycle Therapeutics haben eine strategische Partnerschaft angekündigt. Gemeinsam sollen neue zielgerichtete Radionuklidtherapien für Krebs entstehen. Die molekularen Lotsen sind bicyclische Peptide, also kleine, stabile Ringmoleküle.
Was ist passiert?
Bayer und das britische Biotech-Unternehmen Bicycle Therapeutics haben eine strategische Zusammenarbeit vereinbart. Ziel sind neue zielgerichtete Radionuklidtherapien in der Onkologie. Über die genauen finanziellen Konditionen machten die Unternehmen zunächst keine vollständigen Angaben. Bekannt ist bislang: Bicycle steuert seine Peptidplattform bei, Bayer bringt Infrastruktur und Erfahrung in der Radiopharmazie ein.
Bicyclische Peptide: klein, stabil, treffsicher
Bicyclische Peptide sind kurze Eiweißketten mit zwei geschlossenen Ringen. Diese Ringe stützen das Molekül wie ein Gerüst. Dadurch bleibt es im Blut deutlich länger intakt als ein lineares Peptid. Gleichzeitig ist es nur etwa 1,5 bis 2 Kilodalton groß und damit viel kleiner als ein Antikörper.
Bicycle Therapeutics gewinnt diese Moleküle über Phagen-Display. Dabei präsentieren Bakteriophagen, also Viren, die nur Bakterien befallen, Milliarden verschiedener Peptidvarianten auf ihrer Oberfläche. Aus diesem Pool fischen die Forscher jene Varianten heraus, die an ein gewünschtes Zielprotein binden. Anschließend optimieren sie Bindung, Stabilität und Abbauverhalten chemisch.
Wie eine Radionuklidtherapie wirkt
Bei dieser Therapieform trägt das Peptid keine Zytostatika, sondern ein radioaktives Metallion. Ein Chelator hält das Ion fest. Das ist ein käfigartiges Molekül, das Metallatome wie Lutetium-177 oder Actinium-225 einschließt. Der Peptidteil sucht die Tumorzelle, der Chelator liefert die Strahlung.
Zerfällt das Isotop, gibt es Alpha- oder Betastrahlung ab. Die Reichweite liegt je nach Isotop bei wenigen Zellbreiten bis zu einigen Millimetern. Tumorzellen in unmittelbarer Nachbarschaft werden so mitbestrahlt, gesundes Gewebe aber weitgehend geschont.
Warum Bayer diesen Weg geht
Bayer ist im Radiopharmazie-Geschäft kein Neuling. Mit Xofigo (Radium-223) hat der Konzern bereits ein zugelassenes Radiopharmakon gegen Prostatakrebs im Portfolio. In den vergangenen Jahren kaufte Bayer zudem die Firmen Noria Therapeutics und PSMA Therapeutics zu, um die eigene Pipeline auszubauen.
Allerdings hat Bayer zuletzt auch Rückschläge bei anderen Radiopharmaka-Projekten verkraften müssen. Eine Partnerschaft mit einem spezialisierten Peptidentwickler ist deshalb ein vergleichsweise günstiger Weg, das Risiko zu verteilen. Bicycle trägt die frühe Forschung, Bayer die spätere Entwicklung und Vermarktung.
Was Peptide gegenüber Antikörpern leisten
Antikörper brauchen Tage, um einen Tumor zu erreichen. Peptide verteilen sich in Minuten bis Stunden im Körper. Für kurzlebige Isotope wie Fluor-18 oder Gallium-68 ist das ein entscheidender Vorteil. Der Patient muss nicht tagelang auf die Bildgebung oder Therapie warten.
Auch die Produktion spricht für Peptide. Sie lassen sich chemisch synthetisieren, sind günstiger als Antikörper und leichter zu modifizieren. Genau deshalb setzt die Nuklearmedizin seit Jahren auf peptidbasierte Radiopharmaka, etwa bei neuroendokrinen Tumoren.
Wo die Hürden liegen
Bicyclische Peptide werden über die Niere ausgeschieden. Das kann die Nieren belasten, weil dort Strahlung und radioaktives Metall konzentriert anfallen. Die Arbeitsgruppe muss also den Chelator und die Ausscheidungskinetik sorgfältig abstimmen.
Hinzu kommt die Versorgung mit Isotopen. Actinium-225 ist weltweit knapp, und nur wenige Anlagen können es in therapeutisch relevanten Mengen herstellen. Ohne gesicherte Lieferketten bleibt jede vielversprechende Radionuklidtherapie ein Versprechen.
Und schließlich ist der Weg lang. Zwischen einer vielversprechenden Bindung im Reagenzglas und einer Zulassung liegen Jahre der präklinischen und klinischen Prüfung.
Einordnung: Validierung für die Peptidchemie
Bicycle Therapeutics hat in den vergangenen Jahren bereits Deals mit großen Pharmakonzernen abgeschlossen, unter anderem mit Novartis und Bristol Myers Squibb. Die neue Vereinbarung mit Bayer ist ein weiteres Signal: Große Player trauen kleinen Peptidgerüsten zu, radioaktive Fracht präzise zu transportieren.
Für die Peptidforschung bedeutet das Aufmerksamkeit und Kapital. Es bedeutet aber nicht, dass die Technologie klinisch schon geliefert hat. Bislang befinden sich bicyclische Radiokonjugate überwiegend in frühen Entwicklungsphasen. Ob eines davon die Zulassung erreicht, entscheidet sich erst in Studien am Menschen.
Quellen: Bayer-Pressemitteilung sowie Bericht bei transkript.de (siehe Referenzen).
- [1]Bayer und Bicycle Therapeutics vereinbaren strategische Zusammenarbeit zur Entwicklung neuer zielgerichteter Radionuklidtherapien in der OnkologieNewsQuelle aufrufen
- [2]Bayer: Radiopharmazie-Kooperation mit britischer Bicycle Therapeutics (transkript.de)NewsQuelle aufrufen