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NAD⁺-Spiegel im Blut sinken nicht mit dem Alter – neue Studie aus Helsinki
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Von PeptidWiki Redaktion

NAD⁺-Spiegel im Blut sinken nicht mit dem Alter – neue Studie aus Helsinki

NAD+NiacinRedox-MetaboliteAlternsforschung

Finnische Forscher haben ein neues Messsystem entwickelt und damit 237 gesunde Erwachsene untersucht. Ergebnis: Der NAD⁺-Spiegel im Blut bleibt mit dem Alter stabil – fällt aber bei Krebs und neurodegenerativen Erkrankungen deutlich ab.

Was hat die Studie herausgefunden?

Forscher der Universität Helsinki haben eine lange gehegte Annahme der Longevity-Forschung erschüttert. Bislang galt es als gesichert, dass der NAD⁺-Spiegel im Blut mit dem Alter sinkt. An 237 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 70 Jahren konnten die Wissenschaftler das nicht bestätigen.

NAD⁺ (Nicotinamidadenindinukleotid) ist ein Molekül, das in jeder Körperzelle vorkommt. Es transportiert Elektronen zwischen Enzymen und ist damit zentral für die Energiegewinnung und die Reparatur von DNA-Schäden. Ohne NAD⁺ kommen grundlegende Stoffwechselprozesse zum Erliegen.

Die Studie liegt bislang als Preprint vor und wurde noch nicht durch ein Peer-Review-Verfahren endgültig begutachtet. Dennoch liefert sie methodisch interessante Befunde, die frühere Ergebnisse in Frage stellen.

Warum waren frühere Messungen möglicherweise ungenau?

NAD⁺ gehört zu den sogenannten Redox-Metaboliten – Molekülen, die Elektronen aufnehmen und abgeben. Diese Eigenschaft macht sie biochemisch wertvoll, aber auch chemisch instabil. Außerhalb des Körpers bauen sie sich rasch ab, was Blutproben anfällig für Messfehler macht.

Die Helsinkier Arbeitsgruppe um Dr. Anu Suomalainen entwickelte daher ein System, das NAD⁺ nicht isoliert, sondern gemeinsam mit fünf verwandten Redox-Molekülen misst: NADH, NADP⁺, NADPH sowie Glutathion (GSH) und oxidiertes Glutathion (GSSG). Glutathion wirkt dabei wie ein zellulärer Schutzschild, der freie Radikale neutralisiert und so Zellschäden begrenzt.

Der entscheidende Vorteil: Veränderungen in einem Molekül spiegeln sich in den anderen wider. So lassen sich Fehler durch Probenabbau leichter erkennen und korrigieren. Das neue System liefert damit ein vollständigeres Bild des zellulären Redox-Gleichgewichts.

Was gilt für gesunde Menschen – und was für Kranke?

Bei den 237 gesunden Probanden blieb der NAD⁺-Spiegel im Blut über alle Altersgruppen hinweg stabil. Überraschend war zudem, dass adipöse Teilnehmer höhere NAD⁺-Werte aufwiesen als Normalgewichtige – das widerspricht früheren Studien. Bestätigt wurde hingegen, dass Frauen generell niedrigere NAD⁺-Spiegel haben als Männer.

Andere Ergebnisse fielen eindeutiger aus. Bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsen- und Brustkrebs waren die NAD⁺-Werte besonders niedrig. Mäßig niedrige Spiegel zeigte das System bei Lungen-, Eierstock- und Dickdarmkrebs. Auch bei Parkinson und Alzheimer lagen die Werte unter dem Normbereich.

Bei Typ-2-Diabetes hingegen fanden die Forscher keine signifikant abweichenden NAD⁺-Spiegel – erneut ein Widerspruch zu Vorgängerstudien. Das deutet darauf hin, dass die Messmethode einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hat.

Wie sieht es im Muskelgewebe aus?

Eine kleinere Teilgruppe von acht gesunden Personen wurde auch auf Muskelebene untersucht. Hier zeigte sich ein anderes Bild: Im Muskelgewebe sanken die NAD⁺-Spiegel tatsächlich mit dem Alter. Im Blut derselben Personen war das nicht der Fall.

Das legt nahe, dass ein altersbedingter NAD⁺-Mangel möglicherweise gewebespezifisch ist. Blutmessungen allein erfassen diesen Effekt möglicherweise nicht zuverlässig. Weitere Gewebetypen wie Fett und Gehirn wurden in dieser Studie nicht untersucht, sind aber aus früheren Arbeiten als potenziell betroffen bekannt.

Für die Interpretation der Longevity-Forschung ist das relevant: Wer nur Blutwerte misst, könnte einen Rückgang im Muskel oder Gehirn schlicht übersehen.

Was bewirkt Niacin als NAD⁺-Vorläufer?

NAD⁺ selbst lässt sich kaum oral aufnehmen, weil es im Verdauungstrakt rasch abgebaut wird. Daher setzen Forscher auf sogenannte NAD⁺-Vorläufer – Moleküle, aus denen der Körper NAD⁺ selbst herstellen kann. Niacin (Vitamin B3) ist einer der bekanntesten Vertreter dieser Gruppe.

Die Helsinkier Gruppe hatte zuvor gezeigt, dass Niacin den NAD⁺-Spiegel bei Patienten mit mitochondrialer Muskelerkrankung erhöht. In der neuen Untersuchung an acht gesunden Probanden stieg der Blut-NAD⁺-Spiegel durch eine Tagesdosis von 1.000 mg Niacin auf das Vier- bis Sechsfache an. Die Dosis wurde über 16 Wochen schrittweise von 250 mg auf 1.000 mg gesteigert.

Welche Auswirkungen Niacin auf den Muskel-NAD⁺-Spiegel in dieser Kohorte hatte, berichteten die Forscher nicht. Das bleibt eine offene Frage für Folgestudien.

Könnte körperliche Aktivität den Unterschied erklären?

Die Forscher weisen auf einen möglichen Störfaktor hin: Finnland gilt als eines der körperlich aktivsten Länder der Welt. Regelmäßige Bewegung kann den NAD⁺-Spiegel nachweislich aufrechterhalten. Es ist daher denkbar, dass ein altersbedingter Rückgang nur bei körperlich inaktiven Menschen auftritt.

Auch die Ernährung beeinflusst NAD⁺-Spiegel, da Niacin über die Nahrung aufgenommen wird. Beides – Aktivität und Diät – wurde in der aktuellen Studie nicht systematisch erfasst. Das schränkt die Aussagekraft der Altersbefunde ein.

Um diese Fragen zu beantworten, bräuchte es eine groß angelegte Studie, die Blut, Muskel, Fett und Gehirn gleichzeitig untersucht und Lebensstilfaktoren detailliert erhebt. Das wäre aufwendig – aber methodisch notwendig.

Was bedeutet das praktisch?

Die Studie liefert ein wichtiges methodisches Argument: Wer NAD⁺ misst, sollte das im Verbund mit anderen Redox-Molekülen tun und die Probenhandhabung sorgfältig kontrollieren. Ältere Studien, die einen altersbedingten Blut-NAD⁺-Rückgang berichteten, könnten Messartefakte widerspiegeln.

Für Personen mit Krebserkrankungen oder neurodegenerativen Störungen liefert die Studie Hinweise, dass NAD⁺-Spiegel dort tatsächlich erniedrigt sein können. Ob eine gezielte Anhebung dieser Spiegel klinisch nutzbringend ist, bleibt Gegenstand laufender Forschung und wurde hier nicht untersucht.

Hinweis: Niacin in hohen Dosen (ab 500 mg täglich) ist verschreibungspflichtig oder apothekenpflichtig und kann Nebenwirkungen verursachen. Hochdosierte NAD⁺-Vorläufer wie NMN oder NR sind im DACH-Raum als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, aber nicht als Arzneimittel zugelassen (RUO – Research Use Only gilt für experimentelle Formen). Alle hier beschriebenen Effekte stammen aus Forschungskontexten und sind keine Grundlage für medizinische Entscheidungen.

NAD+
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    NAD+ Levels Stay Stable in Healthy People but Drop in Disease, New Study Shows
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