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Forschung
Von PeptidWiki Redaktion

Selank: Wie ein russisches Heptapeptid das GABAerge System in Nagetiermodellen beeinflusst

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Selank ist ein synthetisches Heptapeptid, das strukturell vom körpereigenen Immunpeptid Tuftsin abstammt. Tiermodelle zeigen Effekte auf das zentrale Nervensystem – die Datenlage verdient aber eine ehrliche Einschätzung zu Reichweite und Grenzen der verfügbaren Evidenz.

Was ist Selank, und wie entstand es?

Selank trägt die Sequenz Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro – sieben Aminosäuren, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken. Der Clou liegt im Ursprung: Die ersten vier Aminosäuren entsprechen Tuftsin, einem natürlich vorkommenden Tetrapeptid, das im Milzgewebe produziert wird und immunmodulatorische Eigenschaften aufweist. Forschende am Institut für Molekulargenetik der Russischen Akademie der Wissenschaften erweiterten die Sequenz um den Anhang Pro-Gly-Pro – eine bewusste Designentscheidung, um das Molekül gegenüber enzymatischem Abbau stabiler zu machen.

Das Ergebnis war ein Peptid, das in Tierversuchen deutlich länger aktiv blieb als Tuftsin selbst und dabei andere biologische Profile zeigte. In Russland und der Ukraine wird Selank seit mehreren Jahren unter dem gleichnamigen Handelsnamen als Nasenspray vermarktet. Dieser Status gilt ausschließlich für diese Länder – im DACH-Raum existiert keine entsprechende Zulassung.

Was beobachteten Forscher in Tiermodellen?

Der Großteil der Selank-Literatur stammt aus russischsprachigen Forschungsgruppen, insbesondere von Seredenin und Voronina am Staatlichen Forschungszentrum für Pharmakologie in Moskau. Ihre Studien an Nagetieren dokumentieren mehrere Effekte, die auf eine Interaktion mit dem zentralen Nervensystem hindeuten.

In Mausmodellen mit standardisierten Angsttests (Elevated Plus Maze, Open Field) zeigten Tiere nach Selank-Gabe veränderte Verhaltensparameter, die Forschende als anxiolytisch klassifizierten. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind noch nicht abschließend geklärt: Diskutiert werden modulierende Effekte auf das GABAerge System – das wichtigste inhibitorische Neurotransmittersystem des Gehirns –, sowie Einflüsse auf die Ausschüttung von Serotonin und Dopamin. Darüber hinaus beschrieben mehrere Studien eine erhöhte Expression des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), eines Proteins, das für die Plastizität neuronaler Netze eine zentrale Rolle spielt.

Wie verlässlich ist die Datenlage?

Hier ist Transparenz geboten. Die verfügbare Literatur zu Selank besteht überwiegend aus russischen Publikationen, die in westlichen Peer-Review-Datenbanken kaum vertreten sind. Unabhängige Replikationsstudien aus westeuropäischen oder nordamerikanischen Laboren fehlen weitgehend. Das erschwert eine Einordnung nach den Maßstäben internationaler evidenzbasierter Wissenschaft erheblich.

Ein weiteres Transparenzproblem: Die meisten veröffentlichten Studien stammen aus denselben Forschungsgruppen, die Selank ursprünglich entwickelten. Interessenskonflikte lassen sich nicht vollständig ausschließen. Für eine belastbare Bewertung wären unabhängige Phase-I-Studien mit klar definierten Endpunkten notwendig – diese fehlen für den westlichen Markt bis heute.

Was bleibt offen?

Mehrere Kernfragen sind nach aktuellem Stand unbeantwortet: Wie ist die Pharmakokinetik von Selank beim Menschen – insbesondere bei nasaler Applikation? Wie gut überwindet das Peptid die Blut-Hirn-Schranke beim Menschen, verglichen mit Nagetiermodellen? Gibt es dosisabhängige Sicherheitssignale über kurze Studienzeiträume hinaus? Und lassen sich die in Tiermodellen beobachteten Verhaltenseffekte auf humane Populationen übertragen?

Diese Fragen sind keine Kritik an der bisherigen Forschung – sondern eine Einladung, sie fortzuführen.

Rechtlicher Status im DACH-Raum

Selank ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht als Arzneimittel zugelassen. Weder das BfArM, noch die AGES oder Swissmedic haben entsprechende Zulassungsverfahren abgeschlossen. Die Substanz wird im DACH-Raum ausschließlich im Kontext der wissenschaftlichen Grundlagenforschung (Research Use Only) untersucht. Eine therapeutische oder diagnostische Anwendung ist rechtlich nicht gedeckt.

Selank
  1. [1]
    Pharmacology of Selank
    Seredenin SB, Voronina TA.Zh Vyssh Nerv Deiat Im I P Pavlova2009Studie
  2. [2]
    Selank and short peptides of the tuftsin family in the control of anxiety: animal models
    Kozlovskaya MM, Kozlovskiy II, Nerobkova LN, Seredenin SB.Rossiiskiy Khimicheskiy Zhurnal2002Studie
  3. [3]
    Stimulation of serotonin metabolism in rat brain by the anxiolytic Selank
    Zozulya AA, Nezavibatko VN, Ravikova LV, et al.Dokl Akad Nauk1999Studie
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