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Forschung
Von PeptidWiki Redaktion

Semax: Das ACTH-Fragment, das BDNF-Expression in Nagetiergehirnen verändert

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In Russland und der Ukraine seit Jahren als nasales Spray erhältlich, in westeuropäischen Laboren kaum charakterisiert: Semax nimmt eine Zwischenstellung ein. Was steckt hinter diesem Heptapeptid, und welche Mechanismen machen es für Neurowissenschaftler interessant?

Woher kommt Semax, und was ist es strukturell?

Semax trägt die Aminosäuresequenz Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro. Die ersten vier Aminosäuren entsprechen dem Fragment ACTH(4–7) – einem Ausschnitt des Adrenocorticotropen Hormons, das die menschliche Hypophyse produziert. Wie beim ACTH-Gesamtmolekül ist das Fragment selbst im Körper nachweisbar; Semax ist dessen synthetisch verlängerte und stabilisierte Version.

Das Anhängsel Pro-Gly-Pro wurde bewusst hinzugefügt. Die Prolyl-Endopeptidase, ein Enzym, das viele kurze Peptide im Körper rasch spaltet, greift an dieser Verlängerung schlechter an – die Wirkdauer im Organismus verlängert sich dadurch in Tierversuchen messbar. Entwickelt wurde Semax in den 1980er Jahren am Institut für Molekulare Genetik der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

Was zeigen Studien zur BDNF-Expression?

Der meistdiskutierte Effekt von Semax in der Forschungsliteratur betrifft den Brain-Derived Neurotrophic Factor – kurz BDNF. Dieses Protein spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung, dem Überleben und der Plastizität von Nervenzellen. In Nagetiermodellen dokumentierten Dolotov und Kollegen (2006) eine erhöhte BDNF-Expression in bestimmten Hirnregionen nach Semax-Applikation – insbesondere in Cortex und Hippocampus, zwei Strukturen, die für Lern- und Gedächtnisprozesse zentral sind.

Parallel dazu zeigten Studien derselben Arbeitsgruppe einen Einfluss auf den Nerve Growth Factor (NGF), ein weiteres Neurotrophin, sowie auf die dopaminerge und serotonerge Neurotransmission in Nagetiergehirnen. In ischämischen Tiermodellen wurden neuroprotektive Effekte beobachtet: Neuronale Schädigungsmarker fielen in Semax-behandelten Gruppen geringer aus als in Kontrollgruppen.

Wie verhält sich Semax im Vergleich zu westlichen Neuropeptid-Forschungssubstanzen?

Ein prägnantes Unterscheidungsmerkmal von Semax gegenüber vielen anderen Forschungspeptiden ist das Vorhandensein von – wenn auch begrenzten – Humanstudien. Die russische klinische Forschung hat Phase-I- und Phase-II-ähnliche Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse in russischsprachigen Journalen veröffentlicht wurden. Diese Studien sind im westlichen Peer-Review-System kaum zugänglich und schwer zu bewerten, liefern aber zumindest erste Anhaltspunkte zu Sicherheitsprofilen.

Das unterscheidet Semax von Substanzen wie Selank, zu denen noch weniger externe Daten existieren. Gleichzeitig bleibt das Grundproblem: Keine der verfügbaren Studien wurde nach den Standards westlicher Regulierungsbehörden (EMA, FDA) durchgeführt. Randomisierung, Verblindung und statistische Auswertung folgen teils anderen Kriterien.

Welche Forschungsfragen sind noch offen?

Die Bioverfügbarkeit bei nasaler Applikation beim Menschen ist nicht abschließend charakterisiert. Unklar ist, wie effizient Semax die Blut-Hirn-Schranke passiert – in Nagetiergehirnen wurde Penetration nachgewiesen, beim Menschen fehlen entsprechende pharmakodynamische Daten. Auch der genaue Wirkmechanismus bleibt Gegenstand von Spekulationen: Kein klassischer Rezeptor für Semax wurde bisher eindeutig identifiziert. Mehrere Hypothesen – darunter intrazelluläre Signalkaskaden und Interaktionen mit melanocortinergen Rezeptoren – werden diskutiert.

Rechtlicher Status im DACH-Raum

Semax ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht als Arzneimittel zugelassen. Dass das Peptid in Russland und der Ukraine kommerziell erhältlich ist, hat keinerlei Bedeutung für den Rechtsstatus im DACH-Raum – Zulassungen sind national und nicht übertragbar. Im deutschsprachigen Raum gilt Semax als Research-Use-Only-Substanz (RUO), die ausschließlich für wissenschaftliche Grundlagenforschung bestimmt ist.

Semax
  1. [1]
    Semax, an analogue of ACTH(4-10) with prolonged action, induces neuronal differentiation and increases BDNF mRNA expression
    Dolotov OV, Karpenko EA, Inozemtseva LS, et al.J Mol Neurosci2006Studie
  2. [2]
    Semax inhibits the enkephalin-degrading enzymes in rat nervous tissue
    Levitskaya NG, Sebentsova EA, Andreeva LA, et al.Dokl Akad Nauk1999Studie
  3. [3]
    An ACTH (4–10) analogue lacking D-amino acid substitutions and resistant to proteolysis
    Ashmarin IP, Nezavibatko VN, Myasoedov NF, et al.Neurosci Res Commun1997Studie
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