Die 5 Peptide mit den größten Potentialen in 2026
Vom dreifachen Rezeptor-Agonisten bis zum mitochondrialen Botenstoff: Fünf Peptide, die 2026 in der wissenschaftlichen Pipeline stehen, und was ihre Datenlage jeweils hergibt.
„Vielversprechend" ist in der Peptid-Forschung ein strapaziertes Wort. Es steht mal für eine kontrollierte Phase-3-Studie, mal für eine einzelne Beobachtung in der Zellkultur. Diese Auswahl von fünf Substanzen stützt sich auf laufende Phase-2- und Phase-3-Programme sowie auf Wirkmechanismen, die erst in den letzten Jahren beschrieben wurden.
Die Bewertung folgt unserem 100-Punkte-Score. Das vollständige Ranking listet alle untersuchten Wirkstoffe. Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel beleuchtet rein das wissenschaftliche Potenzial. Keine der Substanzen ist im DACH-Raum ohne Verschreibung als Arzneimittel zugelassen, viele befinden sich noch in der Grundlagenforschung.
Platz 1: Retatrutid, drei Rezeptoren gleichzeitig
Retatrutid aktiviert nicht einen oder zwei, sondern drei zelluläre Rezeptoren gleichzeitig: GLP-1, GIP und Glukagon.
Der Unterschied zu den bisherigen Wirkstoffen liegt in der dritten Komponente. Während die anderen vor allem die Energiezufuhr drosseln, hebt die Glukagon-Achse zusätzlich den Energieverbrauch in der Leber an. Die im New England Journal of Medicine publizierten Phase-2-Daten aus dem Jahr 2023 zeigten quantitativ stärkere Effekte als die bisherigen Agonisten. Ein kritischer Punkt für die laufenden Phase-3-Studien bleibt ein beobachteter Herzfrequenzanstieg, der auf die Glukagon-Aktivierung zurückgeht. (PeptidWiki-Gesamtscore: 58/100).
Platz 2: FGF-21, Ansatzpunkt beim Leberstoffwechsel
FGF-21 (Fibroblast Growth Factor 21) wirkt auf Leber, Fettgewebe und Hypothalamus zugleich. Der Fokus der Forschung liegt auf dem Leberstoffwechsel, wo das Peptid den FGFR1/β-Klotho-Komplex aktiviert.
Über 900 PubMed-Einträge und ein Score von 55/100 zeigen, wie breit daran gearbeitet wird. Da es bisher kein zugelassenes Medikament gegen Leberfibrose gibt, könnten optimierte Analoga (wie Efruxifermin oder Pegozafermin), die sich aktuell in Phase-2b/3-Studien befinden, eine therapeutische Lücke bei NASH/MASLD (nichtalkoholische Fettlebererkrankung) schließen. Die Einschränkung: Das native Peptid zerfällt zu schnell, weshalb erst die modifizierten Analoga klinisch praktikabel sind.
Platz 3: Tirzepatid, zugelassen und trotzdem nicht ausgeforscht
Tirzepatid (Zulassungsname Mounjaro) ist bereits in der Praxis angekommen und wirft wissenschaftlich trotzdem noch offene Fragen auf. Über 1.800 PubMed-Einträge und ein PeptidWiki-Score von 81/100 stehen hinter dem dualen GIP/GLP-1-Agonisten.
Offen ist vor allem, wie die beiden Achsen ineinandergreifen. Neuere Hypothesen legen nahe, dass der GIP-Rezeptor primär im Hypothalamus und nicht im Fettgewebe wirkt, was der bisherigen Lehrbuchdarstellung widerspräche.
Platz 4: MOTS-c, kodiert im Mitochondrium statt im Zellkern
Fast alle Peptide des Körpers sind im Zellkern kodiert. MOTS-c nicht, seine Erbinformation liegt in den Mitochondrien. Seit der Erstbeschreibung 2015 in Cell Metabolism gehört es zu den meistdiskutierten Substanzen der Longevity-Grundlagenforschung.
MOTS-c deutet auf einen retrograden Kommunikationsweg hin, vom Mitochondrium zurück zum Zellkern. In Tiermodellen wirkt es auf die AMPK-Aktivierung und die mitochondriale Effizienz, beides zentrale Themen der Altersforschung. Mit rund 130 PubMed-Einträgen (Score: 42/100) fehlen Humanstudien allerdings weitgehend, das Interesse gilt bislang dem Mechanismus.
Platz 5: ARA-290, EPO-Wirkung ohne die Blutbildung
Erythropoetin (EPO) wirkt blutbildend und zugleich gewebeschützend. ARA-290 (Cibinetide) trennt beides voneinander: Es aktiviert allein den Tissue-Protective-Receptor (TPR) und damit den neuroprotektiven Teil der EPO-Wirkung, die oft problematische Blutbildung bleibt unberührt.
Mit einem Score von 48/100 und positiven Phase-2-Daten bei Sarkoidose-Neuropathie hat ARA-290 den EU-Orphan-Drug-Status für Small-Fiber-Neuropathien erhalten.
Fazit
Die fünf Substanzen verbindet vor allem die Abkehr von der Monotherapie an einem einzelnen Rezeptor, hin zu Multi-Rezeptor-Agonisten, organspezifischer Wirkung und neu beschriebenen zellbiologischen Signalwegen. Larazotid steht daneben als Erinnerung daran, dass ein Phase-2-Erfolg keine Aussage über Phase 3 erlaubt, viele Substanzen scheitern erst dort.
Dieser Artikel dient ausschließlich der wissenschaftlichen Information. Er enthält keine medizinischen Empfehlungen. Im DACH-Raum nicht als Arzneimittel zugelassene Peptide werden ausschließlich in der Grundlagenforschung untersucht.
- [1]Triple-Hormone-Receptor Agonist Retatrutide for Obesity. A Phase 2 TrialJastreboff AM et al.N Engl J Med2023StudieQuelle aufrufen
- [2]MOTS-c, an ancient mitochondrial-derived peptide, with regulatory function in metabolismLee C et al.Cell Metabolism2015StudieQuelle aufrufen